„Jekyll“

2007 ist ein exzellentes Jahr für den britischen TV-Autor Steven Moffat. Der ehemalige „Coupling“-Produzent hat nicht nur eine der besten „Doctor Who“-Episoden des Jahres geschrieben („Blink“), sondern mit „Jekyll“ auch eine formidable eigene Mini-Serie bei der „alten Dame“ BBC an den Start gebracht.

jekyll (BBC)

Die legendäre Literaturvorlage „The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ ist neben der „Schatzinsel“ wohl eines der bekanntesten Werke von Robert Louis Stevenson. Die BBC-Serie „Jekyll“ ist nun gleichzeitig eine gelungene Adaption und Fortsetzung von Stevensons Erzählung in unserer Gegenwart. Die Serie baut auf der Grundidee auf, dass diese Buchvorlage vielleicht doch nicht rein fiktiv war und Dr. Jekyll einen Nachfahren im Jahr 2007 hat.

Tom Jackman ist ein eigentlich ein ganz normaler Familienvater, der jedoch notgedrungen ein geheimes Doppelleben führt. Denn er teilt sich seinen Körper mit einer zweiten Identität, einer recht brutalen, aber auch kindisch-einsamen Variante seiner selbst. Doch dies sind nicht nur schizophrene Episoden oder Halluzinationen, die sich in seinem Geist abspielen. Bei der regelmäßigen und unfreiwilligen Wandlung in seinen aggressiven Gegenpart verändert sich Tom Jackman auch physisch: Sein Haaransatz ändert sich, er ist schmäler und größer und wirkt jünger. Doch beide „Personen“ leben unabhängig voneinander, sie teilen Erinnerungen nicht und kommunizieren bestenfalls über ein kleines Diktiergerät.

Zunächst versucht Jackman sich mit dieser Transformation und seinem alternativen Ich zu arrangieren. Doch wie in der Literaturvorlage gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle, Jackman und sein „Hyde“-Charakter kollidieren immer öfter und geraten zunehmend in eine Art Kriegszustand. Gleichzeitig kommen einige mysteriöse dritte Parteien ins Spiel, die unklare eigene Ziele verfolgen, in denen Tom Jackman eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Insbesondere die Frage, wie er ein Nachkomme von Dr. Jekyll sein kann, obwohl der doch angeblich keine Kinder hatte, bildet einen wichtigen Mystey-Arc dieser auf sechs Episoden begrenzten ersten Staffel.

jekyll (BBC)

Solch eine Show steht und fällt natürlich mit dem Hauptdarsteller. Der Kraftakt, nicht nur einen, sondern gleich zwei komplett gegensätzliche Charaktere vor der Kamera zu porträtieren, die auch nach und nach verschmelzen, dürfte einem Schauspieler einiges abverlangen. Und da hat die BBC mit James Nesbitt („Cold Feet“, „Bloody Sunday“) einen hervorragenden Griff getan. Seine Wandlungen in den jeweils anderen Charakter haben Gänsehaut-Qualitäten und seine Darstellung der „Hyde“-Figur ist atemberaubend bedrohlich und von einem kaltblütigen Wahn durchsetzt. Aber auch der restliche Cast ist nicht zu unterschätzen, insbesondere Gina Bellman als Jackmans Ehefrau läuft beispielsweise in Episode drei in einer brillanten Dialog-Sequenz zu Hochform auf. Und Paterson Joseph als Chef einer mysteriösen Organisation ist einfach ein köstliches Ekel.

Aber der wirkliche Dreh- und Angelpunkt ist das fantastische Script von Steven Moffat. Er bleibt eng an der Literaturvorlage, aber erzeugt doch etwas vollkommen neues, ein packendes TV-Psycho-Drama mit einem Mystery-Touch, das aufwühlt und schockiert. Hin und wieder kommen einige Nebencharaktere etwas unter die Räder, weil „Jekyll“ derart prominent im Vordergrund steht — aber weil jede Szene mit dem zunehmend zerrissenen Jekyll/Hyde ein einziger Genuss ist, ist das zu verschmerzen.

Fazit: Mit der Wiederbelebung der klassischen Literaturfigur(en) Mr. Jekyll und Mr. Hyde hat die BBC und Autor Steven Moffat einen formidablen TV-Sommerhit hervorgebracht, der bereits nach der Hälfte der Miniserie als eine der besten TV-Serien des Jahres feststehen dürfte. Das ideale Gegenstück zu „Dexter“. Ab Ende Juli auch auf DVD zu haben. Eine Fortsetzung ist noch offen, vielleicht ist die Serie auch gar nicht für eine längere Laufzeit ausgelegt.

10 Antworten

  1. 1
    Trapnamara schrieb:

    Sab,nach einem so überzeugenden Review werde ich es wagen mindestens den Pilotfilm zu gucken.

  2. 2
    Pierro schrieb:

    wow; an sich ist mein comment nicht welterneuernd
    aber nette kommentare sind auch was feines, deshalb:
    thumbs up ! wirklich gut geschrieben – gern gelesen !

  3. 3
    jessi schrieb:

    „Jekylls“ schauspielerische Leistung fand ich wirklich preisverdächtig.. Umso blasser finde ich dagegen Gina Bellman: Bei „Hyde“ gehört das überzeichnete ja zum Charakter, bei ihr wirkt es gekünstelt und unantürlich. In der Traumszene: okay. Aber in den sonstigen Sequenzen? Sie spielt es wie eine Theaterschauspielerin und das gehört in eine Seire nicht wirklich hinein. Ist dan halt alles zu sehr „Schauspiel“ und sie fällt dann dabei doch allzu sehr „aus der Rolle“. – Kauf‘ ich ihr nicht ab. Hat mich sogar richtig gestört..

  4. 4
    sab schrieb:

    Gerade ihre Theater-ähnliche Performance hat mich in der dritten Folge besonders fasziniert. Dieser wichtige Abschnitt der Episode im Keller war im Grunde wirklich wie ein Bühnenstück inszeniert, es war fast wie ein sorgsam choreographierter „Tanz“ zwischen „Hyde“ und Jacks Frau. Aber das war in meinen Augen sehr gelungen.

  5. 5
    Epstacy » Starkillers Sommerprogramm schrieb:

    […] ist noch eine Serie die ich im Sablog gefunden habe. Eine kleine Perle aus dem Programm der BBC, welche im Serienformat die Geschichte […]

  6. 6
    auftrag medien. alles inklusive. » Blog Archive » Samstag, 28. Juli 2007 schrieb:

    […] ich sehr unterhaltsam, ebenso ist es bei “Life on Mars”. Die sechsteilige Miniserie “Jekyll” lohnt sich. Und “Monty Python´s Flying Circus” muss ich eigentlich nicht erwähnen. […]

  7. 7
    mb schrieb:

    Das war doch ein unterhaltsamer Ritt, nicht wahr?

    Schade, dass es das wohl schon gewesen ist. Trotz Cliffhanger und dem Verkauf der DVDs als „Series 1“.

  8. 8
    sab schrieb:

    Ich bin eigentlich zufrieden, dass es nicht weitergehen wird. Moffat hat zwar in einem Interview gesagt, dass er für eine Series 2 durchaus eine Idee habe, aber „Jekyll“ als abgeschlossene Mini-Serie ist ein rundes Werk. Die meisten Rätsel sind gelöst (eines davon mit einem dicken Hammer am Schluss), Hyde ist (erstmal?) weg und so würde „Jekyll 2“ eh eine schwere Hypothek übernehmen. Nah, das kann man ruhig so lassen.

  9. 9
    Einsichten » Blog Archives » Späte Einsicht schrieb:

    […] gesehen habe. Ein ausführliches Review soll hier nicht stattfinden, dafür schaut man am besten zu sab, der Meinung kann ich mir nur anschließen. Eine großartige Show, ein Glanzstück in der Arbeit […]

  10. 10
    Uwe schrieb:

    „Jekyll“ läuft seit 09.01.09 freitags gegen 22:30 Uhr bei Arte (Wie kommen die bloß dazu!?!). Wiederholung in Doppelfogen ab 07./08.02. in den Nächten von Samstag auf Sonntag. Zwar alles nicht in Originalsprache, aber immerhin werbefrei.

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